Erfolgsfaktoren bei der Telemedizinentwicklung

Erfolgsfaktoren bei der Telemedizinentwicklung

In der Telemedizin gilt, genau wie in anderen telematischen Bereichen: die Nutzerakzeptanz ist einer der wichtigsten Aspekte, die zum Erfolg einer Anwendung beitragen. Aus diesem Grund haben wir im Folgenden die wichtigsten Faktoren, die für eine hohe Nutzerakzeptanz sorgen, zusammengefasst.

Diese Empfehlungen basieren auf einem wissenschaftlichen Modell von Venkatesh und Kollegen sowie auf einer literaturbasierten Analyse, deren Hintergründe bei Bedarf in dem von Lena Otto und Lorenz Harst veröffentlichten Paper noch einmal nachzulesen sind . Basierend auf den sieben Determinanten für Nutzerakzeptanz, die Venkatesh und Kollegen im UTAUT 2 (Unified Theory of Acceptance and Use of Technology) vorgestellt haben, wurden Empfehlungen für eine höhere Nutzerakzeptanz bei Telemedizininitiativen abgeleitet. Im Folgenden werden diese erläutert und anhand einer bestehenden Telemedizin-App beispielhaft dargestellt. Dabei haben wir uns für die App „Diabetes Connect“ der SquareMed Software GmbH entschieden. Sie bietet den Nutzern die Funktion eines digitalen Diabetestagebuchs, in dem täglich Blutzuckerwerte, Insulinzufuhr und weitere Gesundheitsdaten, wie beispielsweise Gewicht oder sportliche Aktivitäten, eingetragen und analysiert werden können. Des Weiteren können alle Daten als PDF extrahiert und so direkt an den behandelnden Arzt geschickt werden. Damit sind alle Bedingungen der Definition von Telemedizin nach Sood – Erbringung einer medizinischen Leistung über die Distanz durch den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologie – erfüllt. Zu den folgenden sieben Determinanten haben wir Empfehlungen erarbeitet, die für zukünftige Telemedizininitiativen berücksichtigt werden sollten, um ihnen zum Erfolg zu verhelfen.

1 Leistungserwartung Was brauchen die Nutzer?
2 Aufwandserwartung Läuft die Anwendung fehlerfrei?
3 Soziale Einflüsse Kann das soziale Umfeld einbezogen werden?
4 Handlungserleichternde Rahmenbedingungen Welche Voraussetzungen sind nötig?
5 Hedonische Motivation Macht die Anwendung das Leben leichter?
6 Kosten-Nutzen-Verhältnis Ist der Nutzen den Preis wert?
7 Gewohnheit Kann regelmäßige Nutzung unterstützt werden?

Im Folgenden sind alle sieben Determinanten detailliert erklärt, mit spezifischen Methoden untersetzt sowie beispielhaft an der App als Fallstudie erläutert. Da wir keine Aussagen zum Entwicklungsprozess der App machen können, sind alle Empfehlungen und Einschätzungen in dem Bereich hypotetisch.

(Quelle: https://pixabay.com/)

1. Leistungserwartung: Bei der Entwicklung der Anwendung sollte der Nutzen für die Anwender (Patienten, professionelle Leistungserbringer, etc.) im Mittelpunkt stehen. Hierbei können beispielsweise Marktforschungsmethoden (etwa Fokusgruppen) oder die Beobachtung der Zielgruppe(n) von Nutzen sein. Ziel ist es, die Bedarfe und Bedürfnisse der Patienten zu identifizieren, damit ihre Gesundheit verbessert oder ihr Alltag erleichtert werden kann. Dazu gehört auch, dass die Anwendung verlässlich ist, also wenig bis keine technischen Fehler hat, vertrauenswürdig mit den Nutzerdaten umgeht und dass die bereitgestellten Informationen korrekt sind.

Dass es also eine Notwendigkeit für die digitale Überwachung von Blutzuckerwerten gibt, die weitere Daten miteinbeziehen, miteinander verknüpfen und an einen Arzt weiterleiten kann, wie es in einem analogen Tagebuch aus Papier nur schwer möglich ist, hätten die Entwickler von DiabetesConnect beispielsweise mit Marktforschungsmethoden ermitteln können.

2. Aufwandserwartung: Vor der Verbreitung auf dem Markt sollte zu jeder Applikation zunächst ein Prototyp entwickelt werden, welcher dann von Endnutzern getestet wird. Hierbei bieten sich beispielweise Fokusgruppen oder die Einbindung der Think Aloud-Technik an. Dabei werden die Eindrücke der Befragten unbeeinflusst erhoben und ermöglichen so einen Einblick in deren Gedanken- und Gefühlswelt.

Potentielle Unübersichtlichkeit der Nutzeroberfläche oder weitere Kategorien (wie bspw. Tracking zusätzlicher Werte) wären Aspekte gewesen, welche die SquareMed Sofware GmbH beispielsweise beim Test ihres Prototyps hätten feststellen können. Dadurch ist eine Überarbeitung solcher Aspekte vor dem App-Release möglich.

(Quelle: https://pixabay.com/)

3. Soziale Einflüsse: Es ist wichtig, die Endnutzer nicht isoliert als Einzelpersonen zu betrachten, sondern deren soziales Umfeld miteinzubeziehen. Eine Person ist eher dazu geneigt ein System zu verwenden, wenn ihr Nahestehende dieses System auch nutzen oder sie bei der Nutzung unterstützen, vor allem dann, wenn Schwierigkeiten bei der Handhabung auftreten. Eine Ausrichtung des Marketings auch auf Angehörige oder Vernetzungsmöglichkeiten innerhalb der Anwendung sind nur zwei beispielhafte Möglichkeiten, das Nutzerumfeld aktiv zu adressieren.

Dieser Faktor wurde bei der DiabetesConnect Anwendung größtenteils außer Acht gelassen. Zwar können die eigenen Werte als PDF exportiert und mit Dritten über verschiedene Wege geteilt werden, darüber hinaus scheint es jedoch keine Einbindung des sozialen Umfelds zu geben, etwa in Fom eines integrierten sozialen Netzwerks. Die Nutzer sind entsprechend alleinige Zielgruppe der Anwendung.

(Quelle: https://pixabay.com/)

4. Handlungserleichternde Rahmenbedingungen: Bei der Entwicklung sollte berücksichtigt werden, dass auch äußere Faktoren einen Einfluss darauf haben können, inwiefern Patienten überhaupt fähig sind, verschiedene Angebote zu nutzen. Einige dieser Faktoren sind beispielsweise eine schnelle Internetverbindung, finanzielle Mittel, technisches Know-How und Unterstützung bei aufkommenden Problemen.

Hier ist DiabetesConnect gut aufgestellt. Die Nutzeroberfläche ist übersichtlich gestaltet, die Anmeldung ist schnell und unkompliziert und die Anwendung läuft größtenteils auch offline, was die Nutzung bei mangelnder digitaler Infrastruktur erleichtert. Des Weiteren gibt es einen User-Support, der eine Rückmeldung innerhalb von 24 Stunden garantiert sowie ein FAQ mit häufig gestellten Fragen. Auch ein Smartphone ist nicht zwingend nötig, da ebenso über eine Website auf die Applikation zugegriffen werden kann.

5. Hedonische Motivation: Eine Anwendung sollte helfen eine gewisse Last zu mindern. Der Krankheitsalltag sollte also mithilfe der Anwendung besser zu bewältigen sein, als es vorher möglich war. Hierzu gehören ein schneller Zugriff auf die wichtigsten Funktionen der Applikation und eine dauerhafte Verfügbarkeit der Funktionen bzw. die Verwirklichung neuer nützlicher Funktionen.

Auch hier hat DiabetesConnect einiges umgesetzt. Ein schneller Zugriff gelingt, da die Nutzer nach einmaligem Anmelden eingeloggt bleiben und schnell ein neuer Eintrag mit den aktuellen Werten angelegt werden kann. Zudem erstellt die App informative Statistiken und Grafiken zu den eingetragenen Angaben, wie es in einem manuellen, per Hand geführten Tagebuch nicht oder nur mit viel Aufwand möglich wäre. Auch können die Daten exportiert und so direkt und bequem an den eigenen Arzt gesendet werden, was die Behandlung erleichtern kann. Eine direkte Übertragung von Messdaten eines Messgeräts per Bluetooth ist allerdings nicht möglich.

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6. Kosten-Nutzen-Verhältnis: Nicht nur der Inhalt einer Anwendung, sondern auch deren Preis spielen beim Erfolg von Telemedizininitiativen eine Rolle. Während allgemein der Preis so gering wie möglich gehalten werden sollte, müssen bei jedem Feature individuell die Kosten mit dem Nutzen abgewogen werden, sodass die Patienten nur solche Funktionen bekommen, die wirklich benötigt werden. Andernfalls sinkt die Zahlungsbereitschaft.

Die App DiabetesConnect unterscheidet bspw. zwei Kategorien. Während die meisten Funktionen für alle Nutzer kostenlos zugänglichsind, kann zusätzlich die Premium Version für entweder 1,79 € monatlich oder einmalige 23,99 € erworben werden. Damit wird das Leistungspaket um Erinnerungen, Statistiken vergangener Monate, Möglichkeiten zur Neuanordnung der Tagebuchfunktionen sowie der Premiumsupport mit Rückmeldung innerhalb von 24 Stunden erweitert. Die Nutzer können also individuell entscheiden, ob ihnen ein erweiterter Funktionsumfang den Preis wert ist.

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7. Gewohnheit: Neben der Motivation und dem Willen die Applikation zu nutzen, haben auch die Gewohnheiten der Nutzer einen starken Einfluss auf ihr Nutzungsverhalten. Sie können vom Gebrauch abhalten, später aber auch zur häufigen Verwendung führen. Eine Telemedizinapplikation sollte also einen regelmäßigen Gebrauch fördern, um eine Gewohnheit aufzubauen. Dies kann beispielsweise durch Erinnerungen oder durch eine Verknüpfung des Gebrauchs mit einem bestimmten Ereignis, wie der Einnahme einer Mahlzeit, unterstützt werden.

DiabetesConnect hat hierfür eine Erinnerungsfunktion und fördert eine Routine in der Verwendung, indem es möglich ist die eigenen Mahlzeiten zu protokollieren. Durch das Eintragen von Blutzuckerwerten nach jedem Essem kann somit eine Routine entstehen. Das gleiche gilt für die Protokollierung sportlicher Aktivitäten.

Jede der sieben Determinanten hat einen großen Einfluss auf das Nutzungsverhalten von Telemedizininitiativen. Alter, Geschlecht und Erfahrung sowie der Gesundheits- und Beschäftigungsstatus der Nutzer haben dabei einen moderierenden Effekt, d.h. spielen bei der Auswirkung der Determinanten auf das Nutzungsverhalten individuell eine Rolle. Da sie jedoch nicht aktiv adressiert werden können, bieten lediglich die genannten Determinanten konkrete Anhaltspunkte, den Erfolg von Telemedizininitiativen direkt zu beeinflussen. Die vorliegenden Beispiele und Erläuterungen sollen dabei helfen, in Zukunft eben jenen Erfolg zu erhöhen. Wir hoffen, mit den gegebenen Empfehlungen Entwickler und Entscheider im Bereich Telemedizin bei der erfolgreichen Umsetzung und dem nachhaltigen Erfolg von Telemedizinanwendungen unterstützen zu können.


Referenzen

Otto, L., & Harst, L. (2019). Bringing telemedicine into regular care: Theoretical underpinning for user-centred design processes. Proceedings of the Twenty-Third Pacific Asia Conference on Information Systems. Twenty-Third Pacific Asia Conference on Information Systems, Xi’an, China.
Sood, S., Mbarika, V., Jugoo, S., Dookhy, R., Doarn, C. R., Prakash, N., & Merrell, R. C. (2007). What is telemedicine? A collection of 104 peer-reviewed perspectives and theoretical underpinnings. Telemedicine and E-Health, 13(5), 573–590. https://doi.org/10.1089/tmj.2006.0073
Venkatesh, V., Thong, J. Y. L., & Xu, X. (2012). Consumer Acceptance and Use of Information Technology: Extending the Unified Theory of Acceptance and Use of Technology. MIS Quarterly, 36(1), 157–178.

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